2. Forum International - Indien 25.01.2018

2. Forum International - Indien

Mit einer Bevölkerung von 1,3 Mrd. Menschen ist Indien kurz davor, China den Rang des bevölkerungsreichsten Landes der Erde abzulaufen. Das Wirtschaftswachstum beträgt 7 Prozent jährlich. Und Premierminister Narendra Modi schiebt das Land mit Macht in die Neuzeit. Deutsche Dax-Konzerne sind seit Jahrzehnten in Indien investiert, viele sehr erfolgreich, erste sogar schon Marktführer. Der Mittelstand tut sich hingegen noch schwer. Neue Chancen und alte Risiken eines Indien-Engagements kamen jüngst beim 2. Forum International der Rheda-Wiedenbrücker Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Wortmann & Partner auf den Prüfstand.

Gastgeber Volker Ervens gab eingangs einen kleinen Überblick über Leben und Arbeit in Indien: Das Kastensystem trenne weiterhin scharf wenige Reiche und viele Arme. Eine extrem langsame und in weiten Teilen korrupte Bürokratie lähme Investitionen und Bauprojekte. Premier Modi habe bereits 1.000 überflüssige Gesetze vom Parlament aufheben lassen und erste wichtige Reformen auf den Weg gebracht. Darun-ter ein einheitliches Umsatzsteuersystem für alle Bundesländer, den Wegfall von Grenzkontrollen und Zöllen zwischen den Provinzen sowie den flächendeckenden Ausbau von verkehrstechnischer Infrastruktur und Energiewirtschaft.

Unternehmensberater Akhil Balla aus Neu-Delhi, wie Wortmann & Partner Mitglied im internationalen Beraterverbund MSI Global Alliance, gab Einblick in die Vielfalt seines Heimatlandes. Seiner Ansicht nach sollte der deutsche Mittelstand Indien jetzt in den Fokus nehmen: „Die weltweit am stärksten wachsende Wirtschaft Indiens zieht gerade an Ländern wie Frankreich und Großbritannien vorbei.“ Nach seinem Empfinden würden sich Deutsche und Inder bestens ergänzen: Deutschland habe viele Technologien, Indien viele Ingenieure und andere Fachkräfte. Bosch, SAP über 1.000 andere deutsche Unternehmen machten in Indien bereits vor, wie beide Seiten profitieren.

„Die Inder sehen uns mit viel Sympathie“, berichtete auch Güterslohs MdB Ralph Brinkhaus, stellvertretender CDU-Fraktionschef und Vorsitzender der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag. Er berichtete, dass die Chemie zwischen Modi und Merkel stimme und dass er davon ausgehe, dass die Verhandlungen für ein bilaterales Freihandelsabkommen jetzt wieder aufgenommen werden. Brinkhaus ermutigte die Teilnehmer des Forums International sich Indien persönlich anzuschauen. Investments sollte man aber niemals ohne gute Berater angehen. Brinkhaus: „Ein dickes Fell allein reicht in Indien nicht.“

Steuerberater Jürgen Algermissen, wie Ervens Partner der gastgebenden Kanzlei, berichtete über die große Steuerreform GST in Indien. Die Reform vereinheitlicht zum einen die Mehrwertsteuersätze der 26 Provinzen, regelt zum anderen, wie viel vom Steuerkuchen an den Staat, an die Länder und an die Kommunen geht. Algermissen warnte jedoch vor zu viel Euphorie: „Gegen das, was jetzt noch von Unternehmen gefordert wird, ist das EU-Umsatzsteuersystem geradezu einfach.“

Eine intensive Vorbereitung auf kulturelle Unterschiede empfahl Werner Kuhfuß, Wirtschaftsberater und MSI-Partner aus Düsseldorf. Er arbeitet seit 15 Jahren daran, einen insolventen deutschen Konzern in Indien abzuwickeln. Er sieht deutliche Differenzen in der Mentalität: Indische Familienunternehmer suchten bei Unternehmenskäufen vor allem nach Barmitteln zur Finanzierung desselben oder Gewinne im nächsten Quartal. Deutsche könnten von den Indern in Sachen Geduld, Verhandlungsgeschick und im Erkennen von Seilschaften viel lernen.

Matthias Dirbach, Vice President Sales der Holter Regelarma-turen (HORA) und profunder Indien-Kenner, empfahl mittelständischen Kollegen genau zu prüfen mit welchen Produkten sie in den indischen Markt gehen: „Wir lernten, dass wir mit alten Produkt-Standards erfolgreicher wurden als mit den neuesten Innovationen.“ HORA habe dank Vertriebspartner im Land nicht viel investiert, deshalb den ROI früh erreicht.

Dirk Matter, seit 26 Jahren Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf (mit 6.700 Mitgliedern die größte Handelskammer weltweit), hob hervor, dass eine Firmengründung, ein Grundstückskauf oder ein Gewerbebau in Indien nur mit einer leistungsfähigen Unterstützung durch erfahrene Anwälte und Steuerberater in beiden Ländern gelingen könne. Investitionen von Ausländern unterliegen in Indien nach wie vor generellen Meldepflichten und oft auch Genehmigungspflichten.

Klar wurde, viele deutsche Mittelständler wollen in Indien Produkte oder Dienstleistungen verkaufen. Die Inder hingegen erwarten Investments in Fabriken, die möglichst vielen Menschen Arbeit geben. Die Reformen sowie die Neuaufnahme der Verhandlungen zwischen der EU und Indien bieten Hoff-nung, dass es künftig auch für kleinere und mittlere Unternehmen einfacher werde, den indischen Markt zu erschließen. „Deshalb ist es jetzt an der Zeit, die ersten Schritte zu gehen“, fasste Volker Ervens von Wortmann & Partner zusammen.

Weitere Artikel